Chef und Freund geht nicht?

Mir war klar, dass es nach „Rote Karte für den Chef“ eine lebhafte Diskussion geben wird. Hier dreimal Leser-Feedback:

„Bin vor kurzem Chef geworden und mein Mitarbeiter, vorher Kollege, ist ein guter alter Freund. Meinen Chefposten will ich nicht hergeben und die Freundschaft auch nicht, was nun?“

Das nennt man Kaminaufstieg: Aus dem Team zum Vorgesetzten aufgestiegen. Vorher Kollege, nun Chef. Viele Firmen haben eine Regelung getroffen, die genau das verbietet; aus gutem Grund: Es erspart dem Vorgesetzten die Bredouille, von der dieser Leser spricht.

„Vor zwei Monaten wurde ich in ein anderes Team versetzt. Jetzt ist mein Freund mein Chef und die neuen Kollegen finden das irgendwie nicht lustig.“

Sehr beliebt bei großen Konzernen, da diese spätestens alle zwei Jahre umstrukturieren. Dadurch ergibt sich öfters genau diese Situation, die alle Beteiligten in Bedrängnis bringt.

„Mein Freund will mich abwerben, ich soll zu ihm in die Firma kommen. Sollte ich das lieber lassen?“

Schön, dass wir vorher darüber sprechen. Mit der Betonung auf „vorher“. Das ist für einen Coach wie mich der beste Einstiegsmoment mit dem höchsten Wirkungsgrad. Nicht, dass ein späterer Interventionszeitpunkt hoffnungslos wäre. Es ist halt immer besser, sich vorher Gedanken darüber zu machen, wie man mit einer Situation umgeht. Das macht die Sache leichter.

Drei Dinge braucht es, um alle drei geschilderten Situationen zu meistern:Drahtseil

1. Klarheit

2. Trennung

3. Achtsamkeit

 

1. Klarheit

Von der kontextrelevanten Kommunikation haben wir ja schon im letzten Blog gesprochen. Solange wir uns in hierarchischen Strukturen (Kontext!) bewegen gilt nun leider: one up one down. Ein Vorgesetzter redet anders mit einem Mitarbeiter als der Mitarbeiter mit dem Vorgesetzten oder als Chefs oder Mitarbeiter untereinander. Das ist kein Natur-, sondern ein Kommunikationsgesetz: Die Kommunikation folgt dem Rollenverständnis. Das Gesetz der Gleichbehandlung fällt ebenfalls unter das Klarheitsgebot: Keine Favoriten! Alle Kollegen werden wachsam wie ein Luchs darauf achten, dass der Freund des Chefs von diesem nicht bevorzugt behandelt wird. Da gilt Nulltoleranz. Darüber sollte sich jeder im Klaren sein, der sich in so eine Situation begibt.

2. Trennung

Aus der Klarheit folgt die konsequente Trennung der Gespräche nach Rollen. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie als Chef zu Ihrem Mitarbeiter miteinander reden oder als Freunde. Vermischen Sie das niemals (was natürlich leichter gesagt als getan ist und etwas Übung erfordert), denn dann und nur dann entstehen die Probleme. Nutzen Sie Kontextmarker. Das sind Hilfestellungen, um den Kontext eines Gespräches sofort und klar zu erkennen. Gespräche im Büro sind ein Kontext, der das Rollenverständnis Mitarbeiter/Chef unterstützt. Wollen Sie ein Gespräch unter Freunden führen, gehen Sie raus aus dem Büro, verändern Sie den Kontext. Wenn Sie in der Kneipe sind und ein paar Bierchen trinken, ist das der ideale Kontext für ein Gespräch unter Freunden (hier muss dann Ihre Chefrolle ruhen – was viele Chefs eben nicht schaffen). Wollen Sie ein Gespräch Mitarbeiter/Chef führen, dann vertragen Sie das auf morgen im Büro.

3. Achtsamkeit

Genau hier gehört sie hin, die Achtsamkeit: Im Hier und Jetzt sein. Sich bewusst sein, in welcher Rolle befinde ich mich und wie spreche ich den anderen rollenkonform an. Achtsame Gesprächsführung: Bewusst atmen, bei mir ankommen, mich selber wahrnehmen, meiner Rolle im aktuellen Kontext ganz klar werden und auch den anderen wahrnehmen, seine Rolle, seinen Kontext. Das bring Klarheit, Präsenz und verhindert ein Vermischen der Rollen. Achtsamkeit in der Gesprächsführung, in der Begegnung und im Umgang mit anderen Menschen ist generell das Wichtigste, was es im Zwischenmenschlichen gibt. In solchen heiklen Kontexten ist das überlebensnotwendig.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

P.S. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Haben Sie Tipps? Schreiben Sie ein Email

 

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