Denk keinen Bullshit!

Alle sagen: Die Einstellung ist wichtig! Wenn ich denke: „Da geht nichts mehr!“, mache ich mir jede Aufgabe unnötig schwer. Wenn ich dagegen mit der Einstellung an dieselbe Aufgabe rangehe: „Komm, irgendwas geht immer!“ oder: „Tschaka, du schaffst das“, dann mache ich es mir leichter. Und dann kommt da so ein Zen-Lehrer und sagt:

 „Alle Gedanken sind einfach nur Bullshit!“

Alle? Auch die konstruktive Einstellung? Ja, denn auch diese Gedanken sind, wie das Wort es schon sagt, ein Konstrukt und nicht die Realität. Weder „Da geht nichts mehr!“ noch „Komm, irgendwas geht immer!“ sind die Realität. Es sind bloß Gedanken, NebelkopfBeurteilungen einer Situation und nichts anderes. Wenn Sie unachtsam werden, dann nehmen Sie ungeprüft das eine oder das andere als die Wirklichkeit an. Tun Sie das nicht!

Glauben Sie nicht Ihren Gedanken.

Glauben ist nicht das, was wir mit Gedanken tun sollten. Sondern? Natürlich, Sie ahnen es inzwischen: einfach nur achtsam wahrnehmen. „Aha, da ist ein Gedanke, der sagt, dass nichts mehr geht.“

An dieser Stelle sprang ein Coachee einmal fast vom Stuhl: „Ja, dann brauche ich mir doch gar nicht die Mühe machen, mich zu motivieren, wenn ich bloß achtsam sein muss!“ Stimmt. Und: Glauben Sie das bitte nicht.

Probieren Sie es aus. Am besten an einer Trivialaufgabe wie den Müll runtertragen: „Oh Gott, bitte nicht – bei dieser Kälte.“ Negativeinstellung. Versuch der Selbstmotivation: „Komm, hab dich nicht so – nur die Harten kommen in den Garten!“ Und sofort haben wir die klassische Polarisierung: Einstellung („Oje!“) kämpft gegen Einstellung („Hab dich nicht so!“).

Damit ist „Motivation“ lediglich ein Euphemismus für „gezielte Polarisierung“. Und Polarisierungen kann ich eigentlich nur mit Achtsamkeit auflösen. Indem ich beide Persönlichkeitsanteile hinter beiden Einstellungen achtsam betrachte und achte. Sobald Sie das machen, werden Sie etwas im wörtlichen Sinne Wunderbares erleben: Sie tragen den Müll runter. Aber nicht, weil die eine Einstellung „gewonnen“ hat. Denn wenn Sie mit einer Einstellung gewinnen, wer verliert dann? Eben.

Deshalb funktioniert Motivation nicht. Nicht wirksam und nachhaltig: Weil immer (mindestens) ein Teil von uns dabei verliert. Und das motiviert nicht, das tut weh. Deshalb sollte man Gedanken nicht glauben. Man sollte sie achtsam wahrnehmen und als solche benennen: „Ah, ein Gedanke. Oh, eine Einstellung. Und noch eine Einstellung.“ Und plötzlich ertappen Sie sich, wie Sie nicht nur den Müll, sondern hoch komplexe Aufgaben mit einer traumhaften Gelassenheit und Souveränität erledigen. Nicht weil Sie so toll motiviert sind. Sondern weil Sie achtsam sind.

Diese Pseudo-Selbstmotivation „Komm, hab dich nicht so – nur die Harten kommen in den Garten!“ oder „Tschaka, du schaffst das“ ist übrigens eine Technik, die Schauspieler anwenden. Sie nennen es Mindfuck. Ein brutaler Ausdruck, aber sehr treffend. Sie programmieren sich, indem sie gezielt Gedanken kreieren und schaffen so eine Pseudo-Realität, um überzeugend ihre Charaktere zu spielen. Sie lernen allerdings auch, wie sie diese Pseudo-Identität wieder neutralisieren – zugegeben, manche nicht. Sie bleiben der Rolle verhaftet und leben in einem anderen Universum. Aber daran sieht man sehr (un)schön, wohin es führt, wenn wir unseren Gedanken vorbehaltlos glauben. Es führt zum Realitätsverlust. Und das ist der schlimmste Verlust. Weil man auch sich selbst dabei verliert.

Richtig gute Schauspieler, die viele unterschiedliche Charaktere spielen können, wissen, dass sie das nicht sind. Das ist nicht die Realität, das ist nur Mindfuck. Wie im Prinzip jeder Gedanke.

Wer das einmal erkannt hat – und im Alltag mit etwas Übung achtsam durchhält – entwickelt nicht nur eine überragende „Motivation“, sondern etwas viel besseres, weil es mehr bewegt als Motivation: Klarheit.

Diese Klarheit und die Souveränität, die sie begleitet, verleihen eine unglaubliche Freiheit. Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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2 Kommentare bisher. Was sagen Sie dazu?

  1. Weingärtner sagt:

    Schöner Artikel. Jedoch fühle ich mich allein gelassen mit dem „Müll wegbringen“.
    Ich könnte genauso gut die Aufgabe einfach nur achtsam wahrnehmen und den Müll im Haus stehen lassen. Und achtsam wahrnehmen wie er riecht und den Gestank wertungsfrei betrachten.
    Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Welche Gedanken ich nur achtsam betrachte und welche ich in etwas umsetze finde ich verwirrend.

    18. Februar 2015
    Antworten
    • woelkner sagt:

      Hallo Herr Weingärtner,
      es anfänglich verwirrend zu finden kenne ich gut, aber das ist auf jedenfall besser als es gleich abzutun und somit jede Veränderung zu blocken. Dafür erstmal Respekt!
      Einige Autoren der Achtsamkeit proklamieren man müsse allem wertfrei begegnen. Das ist Quatsch, denn das geht nicht. Der Müll stinkt und das ich so etwas nicht gut finde ist völlig normal. Ich sollte mir nur bewusst sein, das dies halt MEINE Bewertung ist.
      Aufgrund welcher Gedanken Sie was auch immer umsetzen ist nicht das Thema, sondern dass Sie dies nicht unbewusst und ungeprüft machen. Achtsamkeit hilft hier, dass wir einen größeren Handlungsspielraum und mehr Flexibilität erreichen, anstatt wie Marionetten zu funktionieren.
      Ich hoffe ich konnte Sie etwas entwirren.
      Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

      18. Februar 2015
      Antworten

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