Der Blödsinn mit der Wertschätzung

Alle Firmen predigen, dass Wertschätzung das wichtigste Gut sei. Wertschätzung ist explizit Teil vieler Firmenkulturen. Führungskräfte müssen sich bei jedem Seminar erneut anhören, dass Wertschätzung der Bringer sei. Seminartitel wie die folgenden kann bald keiner mehr hören:

  • „So gelingt wertschätzende Führung“
  • „Das neue Führungstool: Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern“
  • „Gelebte und erlebte Wertschätzung“
  • „Wertschätzung als salutogener Faktor der Führungsbeziehung“
  • „Wie Wertschätzung Ihre Mitarbeiter vor Burnout schützt“

Wertschaetzung

Und der schlimmste, den ich je gelesen habe:

  • „Behandle dein Team so wie du dich selber behandelst!“

Um Himmels Willen bloß nicht! Wenn wir Mitarbeiter so behandeln würden, wie die meisten Führungskräfte mit sich selber umgehen, wäre dies in vielen Fällen das krasse Gegenteil von Wertschätzung. Viele Führungskräfte überfordern sich zum Beispiel haltlos – sollen sie das deshalb auch mit ihren Mitarbeitern machen? Bloß weil einige Trainer und Geschäftsführungen das für eine gute Idee halten?

Warum Wertschätzung als Technik nicht unbedingt und wirklich funktioniert, durfte ich vor einigen Jahren selber erfahren. Ich machte damals Führungstrainings für die Daimler AG; immer im Tandem aus einem internen und einem externen Trainer. Viele Jahre habe ich mit einem internen Trainer zusammengearbeitet. Ich hatte das Glück, von diesem alten Hasen etwas ganz Wesentliches zu lernen. Er hatte eine Art, auf die Teilnehmer einzugehen, die unnachahmlich war. Er hat sich für diese Menschen wirklich interessiert, er hat sich in sie hineingefühlt, sehr persönlich und ganz individuell. Er hat gelobt, immer wieder Anerkennung gezeigt und ganz viel Wertschätzung rüber gebracht.

„Aber das ist doch genau das, was in diesen Seminaren trainiert wird!“, werden Sie jetzt einwenden. Genau. Und darin liegt die Gefahr. Hätte ich damals einfach auch mehr gelobt, mehr Anerkennung verteilt und noch mehr Wertschätzung ausgesprochen, hätte ich mich zum Clown gemacht. Eine lächerliche Kopie, die nachplappert, was der Kollege sagt.

Genau das funktioniert nicht. Warum nicht? Weil das stupides „Aping“ (Engl.) wäre, das hirnlose Nachäffen einer Technik, mit dem man jede Technik zerstört.

Solche Techniken sind nutzlos, wenn dahinter nicht die passende Haltung/Einstellung steht. Erst die richtige Einstellung/Haltung ist es, die Techniken wirksam macht. Ich möchte noch weiter gehen: Diese Grundeinstellung macht Techniken sogar überflüssig. Ich hatte das Glück und die Chance, von diesem „alten Hasen“ nicht die Technik zu lernen, sondern die Grundeinstellung, die dahinter steckt.

Was ist das für eine Grundeinstellung?
Einer der Teilnehmer hat es mal in einem Feedback an uns auf den Punkt gebracht: „Ihr zwei schafft es, immer wieder ein Umfeld zu schaffen, wo jeder wachsen kann.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.

Schaffen Sie ein Umfeld, in dem der Andere (Kind, Partner, Kollege, Mitarbeiter, Chef …) wachsen kann.

„Oje,“ werden jetzt einige denken, „muss ich jetzt den Hund zum Jagen tragen?“ Nein, mitnichten. Hier ein kleines Beispiel:

Vor vielen Jahren, in meiner Zeit als Niederlassungsleiter einer Computerfirma, sind mir mal die Nerven durchgegangen. Ein Verkäufer kam und kam nicht in die Gänge und ich hatte echt alles probiert. Irgendwann riss mir der Geduldsfaden, ich verlor die Beherrschung, packte ihn am Kragen und sagte: „Verflixt nochmal wach endlich auf und beweg dich!“ Danach war ich geschockt von mir, ich hatte die Nerven verloren. Das geht gar nicht! So geht man nicht mit Mitarbeitern um. Doch eine Woche später kam dieser Verkäufer mit einer Menge Aufträge wieder: Er hatte sich bewegt! Als ich ihn fragte „Was ist denn jetzt passiert?“, sagte er: „Sie haben mich wach gerüttelt, das habe ich echt gebraucht. Sie haben mir gezeigt wie wichtig es Ihnen ist, dass ich erfolgreich werde.“ Ich war baff.

Das soll jetzt bitte nicht heißen, dass Sie nun Mitarbeiter, Kunden, Partner oder Ihren Chef am Kragen packen sollen. Es soll verdeutlichen, dass jeder Mensch etwas anderes braucht, um sich weiter entwickeln zu können. Der eine braucht Sicherheit und will an die Hand genommen werden. Der andere braucht einen Schubser, eine dritte braucht … Die Kunst liegt nicht in der Wertschätzung, bei weitem nicht. Sie liegt darin, zuverlässig herauszufinden: Was genau braucht in genau dieser Situation genau dieser Mensch von mir, damit er weiterkommt? Gute Frage. Wie finden Sie die Antwort?

Sie ahnen es sicher: mit Achtsamkeit. Sie ist die Lupe, mit der Sie herausfinden, was Ihr konkretes Gegenüber in konkret dieser Situation konkret braucht, um etwas aus sich zu machen. Und wenn Ihr Gegenüber dafür einen Porsche braucht? Dann fragen Sie achtsam nach, welches Grundmotiv hinter dem Porsche steckt: Prestige? Status? Anerkennung? Leistungswürdigung? Danach suchen Sie achtsam nach Optionen, diese Grundbedürfnisse auch ohne Sportwagen zu befriedigen. Das klappt meist besser (nichts gegen Porsche).

Und wenn Sie ganz mutig sind, stellen Sie sich abends vor dem Schlafengehen die Frage:

„Habe ich heute bei anderen Menschen (meinen Kindern, meinem Partner, meinen Mitarbeitern…) Wachstum eher gefördert oder gemindert?“

Diese Schicksalsfrage ist ein exzellenter Motivator, um am nächsten Tag noch ein wenig achtsamer im Umgang mit Ihren Mitmenschen zu sein, noch ein wenig stärker auf die Entwicklungschancen zu achten, mit denen Sie ihnen beim Wachsen helfen können. Ich bin überzeugt, das wirkt besser als jedes Seminar zum Thema Wertschätzung.

Mit achtsamen Grüßen, Matthias Wölkner

Was haben Sie für Erfahrungen mit solchen Techniken gemacht? Schreiben Sie mir Email

 

 

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