Endlich mach ich was ich will!

Ständig höre ich diese Sätze:

  • „Ich bin so im Stress. Ich bin nur noch fremdbestimmt.“
  • „Zeitmanagement ist bei mir zwecklos; meinen Terminkalender füllen andere.“
  • „Die anderen ziehen die Fäden und scheuchen mich durch die Gegend.“
  • „Ich bin der Sklave von meinem Business, meiner Familie, …“

Jede(r) kennt das Gefühl, weit weg von jeglicher Selbstbestimmung zu sein. Wir fühlen uns wie im Hamsterrad. Die anderen schubsen uns durch die Gegend. Eben noch glaubt man, alles im Griff zu haben, und dann kommt der Chef, Kunde, Mitarbeiter, Lebenspartner, … mit der superwichtigen und total dringenden Angelegenheit, die keinen Aufschub duldet und der wir uns sofort unterwerfen müssen. Das ist moderne Sklaverei.

Aber sind wir wirklich Sklaven?

Zur Beantwortung dieser Frage sollten wir uns den dreifach Oscar-ausgezeichneten Film „12 Jahre ein Sklave“ (DVD: „12 Years a Slave“ ) ansehen. Da wird klar, was es braucht, um ein Sklave zu sein: totale Abhängigkeit. Sklaven sind keine Subjekte, sondern Objekte. Objekte sind fremdbestimmt. Wie Werkzeuge werden sie für das benutzt, was ihr Besitzer für richtig hält. Sie dienen also einem fremden Willen. Und nun stelle ich Ihnen die Frage:

Sind Sie ein Objekt? Dienen Sie einem fremden Willen?

Langsam lichtet sich der Nebel der Fremdbestimmung und das Licht der Erkenntnis scheint durch: Fremdbestimmung außerhalb von Sklaverei funktioniert nicht ohne Abhängigkeit. Wer A sagt, sollte ehrlicherweise auch B sagen. Wer „Ich bin fremdbestimmt!“ klagt, sollte ehrlich genug für die Erkenntnis sein: „Ich habe mich abhängig gemacht!“ Bitte achten Sie auf das Wort „gemacht“: Ich bin abhängig von der Luft, die ich atme – dieser und einiger anderer faktischen Abhängigkeiten kann ich mich nicht entziehen. Aber was ist mit den unfreiwillig eingegangenen Abhängigkeiten, in die ich mich begeben habe? Das ist die Anfänger-Erkenntnis: Befreie dich von unnötigen Abhängigkeiten.

Der „Fortgeschrittene Sklave“, die einsichtsfreudige Sklavin erlebt im Coaching ganz oft dann den fortgeschrittenen Aha-Effekt: Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Abhängigkeit und Fremdbestimmung!

Sie verstärken sich gegenseitig. Je stärker ich mich in die wohlige Komfortzone einer Abhängigkeit (Ehe, Familie, Beruf, Verein, Zivilisation…) begebe, desto fremdbestimmter werde und fühle ich mich über kurz oder lang. Und je schmerzvoller ich mich über die in unserer modernen Welt grassierende Fremdbestimmung beklage, desto abhängiger habe ich mich bereits von meinen „Sklaventreibern“ gemacht. Die haben mich nicht versklavt. Ich habe mich in deren Abhängigkeit begeben. Nicht absichtlich, sondern meist unbewusst. Nicht willentlich, sondern kollusiv (Googeln: Kollusion).

Deshalb lohnt es sich immens, sehr achtsam auf diese unbewussten Abhängigkeiten zu schauen. Denn 80 Prozent der Abhängigkeiten resultieren aus Erwartungshaltungen; aus den eigenen und denen, die wir glauben erfüllen zu müssen.

Da mailt mir zum Beispiel ein wichtiger Coaching-Klient noch abends um zehn und ich komme ins Rotieren: Was will der jetzt von mir? Ich wollte doch gerade gemütlich den Spätfilm anschauen! Und der lässt mich nicht! „Verdammte Fremdbestimmung!“ klage ich, bevor sich dank Übung meine Achtsamkeit regt und ich mich achtsam frage: Muss ich diese E-Mail um 22 Uhr tatsächlich noch beantworten? Erwartet er es? Wo schreibt er das? Oder erwarte ich es und begebe mich damit in Abhängigkeit, die ich dann als „Fremdbestimmung“ beklage? Wir fragen uns das viel zu selten. Wir sollten öfter mit uns selbst sprechen und uns kluge, achtsame Fragen stellen.

Zum Beispiel: Muss ich diesen Termin auch noch reinquetschen? Wer sagt das? Wer erwartet das? Ausdruck welcher Abhängigkeit wäre es, wenn ich quetsche? Und wenn ich mich selber in diese Abhängigkeit begeben habe, könnte ich mich auch selber daraus befreien. Wie? Brauche ich dieses Projekt, diesen Auftrag auch noch? Ich komme ja jetzt schon nicht dazu, alles abzuarbeiten. In welche Abhängigkeit begebe ich mich damit? In die Abhängigkeit meiner irrealen Erwartung „Aber ohne diesen Auftrag wirst du Hunger leiden.“ Nee, jetzt echt?

Und muss ich überall dabei sein und alles können? Muss ich wirklich die beruflichen, gesellschaftlichen und eigenen impliziten Erwartungen ständig und zu jeder Zeit erfüllen? Erstens: So einen Druck hält auf Dauer keine(r) aus. Zweitens: Wollen Sie das wirklich? Wollen Sie so jemand sein? Wollen Sie sich in Abhängigkeit von Erwartungen begeben, das als Fremdbestimmung beklagen und damit die Abhängigkeit tabuieren und immunisieren?

Wir funktionieren oft wie der Esel, der weiterläuft, weil ihn die Möhre lockt, die ihm vom Boss, der Gesellschaft, vom Esel selbst, den Sozialen Medien, allen voran Facebook, vorgehalten wird. Diejenigen, die uns in der Abhängigkeit halten wollen, wissen wie wichtig es ist, dass der Esel die Möhre nie erreicht.

Denn dann würde er nachlassen und das geht gar nicht in unserer Wachstumsgesellschaft. Der Esel darf niemals zufrieden sein, sonst funktioniert er nicht.

Esel

Sind Sie ein Esel?

Jede wahre Selbstbestimmung wird vereitelt, sobald man einem Bild, einem Ideal von sich selbst entsprechen will. Statt „Ich bin so wie ich bin“ dann „So und so müsste ich sein!“ Dabei ist es piepegal, wer dieses Idealbild phantasiert. Bewusst Ihr Boss oder unbewusst Sie selber. Wer verlangt denn von Ihnen, eine perfekte Mutter oder der 24/7-Versorger zu sein? Ich jedenfalls nicht. Warum sollten Sie es selber tun? Warum wollen Sie sich unter diesen Erwartungsdruck, in diese Abhängigkeit begeben? Klar, weil Sie sich davon Gewinn versprechen, Ansehen, Status, eine stabile Beziehung, gutes Gehalt. Aber ist es den Preis der Fremdbestimmung wert? Das sollte man nicht generell für sein ganzes Leben, sondern von Fall zu Fall entscheiden.

Deshalb ist es so wichtig, wenn Sie von der Fremdbestimmung wegkommen wollen, ständig achtsam zu sein und auf die eigenen Impulse zu achten: Was sind das für Impulse? Welche Erwartungshaltung steckt dahinter? Welche Ideale? Und vor allem: Wessen Wertvorstellungen? Und wie abhängig habe ich mich schon von diesen Erwartungen gemacht?

Achtsamkeit ist auch hier der Schlüssel zum Erfolg, zur Selbstbestimmung, zum gesteigerten Selbstbewusstsein, zur Resilienz, zur Stressfestigkeit. Ganz gleich, welcher Impuls Sie gerade bewegen möchte: Lassen Sie sich noch nicht von ihm bewegen (versklaven). Machen Sie erst etwas anderes. Sie wissen längst, was: Wahrnehmen, den Impuls spüren und erst einmal innehalten und:

Atme! (Sonst stirbst Du!)

Nach diesem im ursprünglichsten Sinne des Wortes befreienden Atemzug stellen Sie sich die sklavenbefreiende, revolutionäre Frage: Wer will das von mir? Will ich das wirklich? Brauche ich das unbedingt auch noch? Tue ich das, um die Erwartungen anderer zu erfüllen? Oder meine eigenen, unreflektierten, überzogenen, mitleidlosen, selbstausbeutenden Erwartungen und Idealbilder, die kein geistig gesunder Mensch erfüllen kann oder auch nur zu erfüllen versuchen sollte?

Überprüfen Sie insbesondere diese Erwartungshaltung an sich selbst. Sie ist die gefährlichere. Selbstversklavung ist viel schlimmer, häufiger und wirksamer als Fremdbestimmung. Falls Sie dabei Panik bekommen und denken „Dann bricht meine Eigenmotivation ja völlig zusammen“, lesen Sie zwischendurch kurz diesen Beitrag: Lass endlich gut sein!

Selbstbestimmung setzt Selbsterkenntnis voraus. Erkenntnis der eigenen Abhängigkeiten und Erwartungen. Diese vornehmste Art der Erkenntnis fällt nicht vom Himmel und ist leider auch nicht in Tablettenform erhältlich. Aber sie wird Ihnen geschenkt: von der Achtsamkeit. So oft Sie sie praktizieren.

Sobald Sie dank Achtsamkeit ein höheres Niveau an Selbsterkenntnis (Nosce te ipsum!) erreicht haben, sollten Sie jedoch nicht gleich Ihrem Chef sagen: „Du kannst mich mal, ich kündige!“ Sie sollten auch nicht sofort die Scheidung einreichen, wenn Sie erkannt haben, dass Sie gegenüber Chef und/oder BeziehungspartnerIn in eine Abhängigkeit hineingerutscht sind, die Ihnen nicht gut tut. Die Befreiung des modernen Sklaven ist keine Frage der Revolution, sondern der Evolution.

Also besser: Ständig, unermüdlich, diszipliniert, begeistert kleinste Schritte in Richtung wahre Freiheit machen. Dann ersetzen Sie den Geist des Anspruchs durch den Geist der Freiheit. Klingt das nicht wunderbar? Das klingt phantastisch. „Liebling, was machst du grade?“ – „Ich ersetze den Geist des Anspruchs durch den Geist der Freiheit.“ – „Geile Sache – darf ich mitmachen?“ Ja, wenn du weißt, was gut für dich ist.

Selbst der kleinste Schritt auf diesem Weg ist eine Wohltat. Denn was die Sklavenbefreiung angeht, gilt das Leverage-Gesetz: Kleiner Schritt, große befreiende Wirkung. Manchmal reicht es schon, sich nur gedanklich aus der Anspruchsabhängigkeit zu befreien, um endlich wieder tief und befreit aufatmen zu können. Freiheit ist nicht umsonst das höchste Gut: Sie wirkt besser, schneller, stärker und nebenwirkungsfreier als jede Droge. Befreien Sie sich Stück für Stück von der Fremdbestimmung, werden Sie Ihr eigener Herr – aber auch diesen Herren sollten Sie ständig hinterfragen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

P.S.: Haben Sie eine Geschichte, ein Beispiel, wie Sie sich von vermeintlichen Abhängigkeiten befreit haben. Hinterlassen Sie einen Kommentar, oder schreiben Sie mir.

 

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