Halt doch mal die Klappe!

Wir haben sehr schnell eine klare Meinung, selbst bei hochkomplexen Themen, wie aktuell Grexit oder Ukraine. Diese Meinung wird oft innerhalb von Sekunden gebildet, obwohl die allerwenigsten sich ein umfassendes Bild gemacht, Hintergründe und Komplexität erforscht haben oder gar alle Details kennen. Wer ein bisschen Verstand hat, weiß, dass man sich aufgrund der widersprüchlichen Pressemeldungen, diesen wenigen bereits gut vorgefilterten Informationen, keine zutreffende Meinung bilden kann. Googeln Sie mal unter „Priming“, da kann einem angst und bang werden, wie wir uns ungefiltert konditionieren lassen.

Warum tun wir es trotzdem? Warum müssen wir immer, zu allem und vor allem immer sofort eine Meinung haben? Nicht weil das unserem freien Willen oder gar dem Gebot der Vernunft entspräche, sondern weil unser Gehirn so gebaut ist. Das Gehirn ist der Hauptenergieverbraucher in unserem Körper und deswegen auf größtmögliche Effizienz getrimmt. Dabei benutzt das Gehirn den Trick der Mustererkennung. Eine Art Intuition, ein Erfassen des Ganzen anhand von wenigen Bruchteilen und in Bruchteilen von Sekunden, ohne nachzudenken.

Dieser Schnellschuss-Mechanismus basiert auf Erfahrungen, die in der Vergangenheit abgespeichert wurden. Einfach erklärt: Wenn man einmal von einem Hund gebissen wurde, dann bedeutet das für die Mustererkennung des Gehirns: Hund ist gleich Gefahr; egal ob Kampfdogge oder Kuschelwelpe.

Wie die Forscher Tversky und Kahneman schon vor über 20 Jahren darstellten, spart diese Art der Informationsverarbeitung viel Zeit und Anstrengung. Die Musterkennung dient dazu, sich schnell in der Welt zurechtzufinden und schnell reagieren zu können.

Das mag in Krisensituationen, wo man in Bruchteilen von Sekunden entscheiden muss und keine Zeit zum Nachdenken hat, sehr hilfreich sein. Jedoch wenn ich heutzutage einem Menschen in einem Seminar, auf einem Meeting, bei einer Party oder bei einem Vorstellungsgespräch begegne, geht es in den meisten Fällen nicht um Leben oder Tod. Wenn ich in der Zeitung einen Bericht über die Verhandlungen in Brüssel oder Minsk lese, bin ich nicht aufgerufen, sofort für die eine oder andere Partei in den Kampf zu ziehen.

Trotzdem greift die archaische Mustererkennung unseres Gehirns. Und dann kommen noch die Kollegen, Freunde… und sagen: „Aber du musst doch eine Meinung haben, du musst doch Stellung nehmen.“

Nein muss ich nicht! Im Gegenteil.

Nehmen wir mal die SiKlappe-haltentuation eines Vorstellungsgespräches, egal ob beruflich oder privat (also zum Beispiel beim Dating): „Oje, wie der schon spricht, diese Stimme, das kann nichts geben.“ „So wie die aufgedonnert ist, das geht ja gar nicht“ …  und schwups schlägt die Mustererkennung zu. In solchen Situationen nicht sofort mit einer Schnellschuss-Meinung loszuballern, wäre sehr hilfreich. Sie mögen einwenden: „Aber ich kann mich doch gar nicht gegen diese archaische Mustererkennung wehren, ich bilde mir ganz automatisch ein (Vor)Urteil.“

 

Genau! Aber wir Menschen unterscheiden uns vom Tier darin, dass wir zwischen Reiz und Reaktion ein Hirn haben. Wir müssen es nur richtig nutzen. Und richtig heißt? Richtig: achtsam. Wer sozusagen bewusstlos durchs Leben läuft, wird tatsächlich ständig Opfer seiner vollautomatischen Schnellschussmustererkennung aus dem Neandertal. Wer dagegen täglich immer mal wieder für wenige Sekunden die eigene Achtsamkeit trainiert, fällt nicht mehr auf solche Neanderreflexe herein.

Bei der nächsten Begegnung mit einer Nachricht, einem Griechen, Russen oder noch viel besser: bei jedem Menschen – seien Sie wach und aufmerksam wie ein Luchs. Achten Sie mal darauf: „Ups, da ist wieder die Mustererkennung angesprungen. Ich habe mir jetzt schon eine Meinung gebildet“ Allein dieses bewusste Wahrnehmen macht den Unterschied zwischen einer Reiz-Reaktionsmaschine, einem Tier oder Choleriker und einem souveränen, menschlichen Individuum.

Werden Sie ein besserer Mensch. Bemühen Sie sich, so lange wie möglich keine endgültige Meinung zu haben, um achtsam zuzuhören um nachzuforschen, um menschlicher zu sein. Ich bin sicher, Sie würden sich sehr freuen, wenn andere das auch so mit Ihnen machen.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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