Völlig wertungsfrei? Völlig unmöglich!

Menschen, die sich mit Achtsamkeit beschäftigen und diese auch praktizieren, stoßen sehr schnell auf ein Problem. Denn in fast allen Definitionen von Achtsamkeit kommt immer wieder das Thema „Wertung“ vor. Hier wild herausgepickt drei verbreitete Definitionen:

  • „Achtsamkeit ist eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die absichtsvoll ist, sich auf den gegenwärtigen Moment bezieht (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft), und nicht wertend ist.“
  • „Sich-einlassen auf den Moment – mit einem nichtwertenden Gewahrsein.“
  • „Achtsamkeit bedeutet das nicht wertende Wahrnehmen der Dinge, so wie sie sind, im Hier und Jetzt.“

Den Sinn dahinter zeigt eine schöne Zen-Geschichte:

Ein Bauer hatte ein Pferd, aber eines Tages lief es fort und der Bauer und sein Sohn mussten ihre Felder selbst pflügen. Die Nachbarn sagten: „Was für ein Pech, dass euer Pferd weggelaufen ist!” Aber der Bauer antwortete – sich der Wertung „Pech“ entziehend: „Man wird sehen.”

Eine Woche später kam das Pferd zum Bauernhof zurück und brachte eine ganze Herde wilder Pferde mit. „So viel Glück!” riefen die Nachbarn wertend, aber der Bauer sagte wieder wertfrei: „Man wird sehen.”

Kurz danach versuchte der Sohn des Bauern, die wilden Pferde einzureiten – aber er wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. „Oh, so ein Pech!” Die Nachbarn hatten Mitleid, aber der Bauer sagte wieder: „Man wird sehen.”

Ein paar Tage später zog der Landesherrscher alle jungen Männer in sein Heer ein, um in die Schlacht zu ziehen. Aber den Sohn des Bauern ließen sie wegen seines gebrochenen Beins zu Hause. „Was für ein Glück, dass dein Sohn nicht in die Schlacht ziehen muss!”, freuten sich die Nachbarn. Aber der Bauer bemerkte nur: „Man wird sehen.”

Viele, die bei mir im stressimmun Coaching sind, sagen mir: „Ich habe das mit der Wertungsfreiheit kapiert. Aber es gelingt mir einfach nicht, wirklich wertungsfrei wahrzunehmen.“

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Die schlechte Nachricht ist: Es wird Ihnen nie gelingen, weil es einfach nicht geht. Es ist unmöglich, kein Mensch kann das (auch der Bauer nicht, zumindest nicht sofort).

Die Gehirnforschung hat inzwischen bewiesen, dass das, was wir als Intuition verstehen, nichts anderes ist als eine Mustererkennung. Das ist eine Art Erfassen des Ganzen mit einem einzigen Blick innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde und das funktioniert ohne Nachzudenken. Diese Mustererkennung funktioniert ohne dass das Großhirn überhaupt jemals eine Chance hat, da einzugreifen. Das heißt, bis das Großhirn etwas mitbekommt, ist die Analyse bereits abgeschlossen.

Wenn man zum Beispiel einmal von einem Hund gebissen wurde, dann bedeutet das für die Mustererkennung des Gehirns: Hund ist gleich Gefahr; egal ob Kampfdogge oder Kuschelwelpe. Sofort ist also eine Wertung da, ohne dass wir irgendetwas dagegen tun könnten.

Daraufhin ärgert sich der Achtsame: „So ein Mist! Bin eben wieder nicht wertungsfrei gewesen, verflixt nochmal ich lerne das nie!“ Was ja auch wieder eine Wertung ist, worüber man sich auch wieder ärgern kann …

Dass dies zu nichts Gutem führt, ist jedem klar. Und jetzt? Schluss mit lustig, Schluss mit Achtsamkeit?

Nein jetzt geht es erst richtig los.

Akzeptieren wir das, was ist, nämlich dass die Musterkennung einfach so ist wie sie ist und nehmen diese achtsam wahr. Immer wenn Sie Wertungen bei sich wahrnehmen wie:

  • „Der ist aber unsympathisch!“
  • „Wie rücksichtslos von denen!“
  • „Es nervt einfach nur (z.B. dieser Lärm hier).“

Immer wenn Sie auf diese oder andere Weise intuitiv und reflexhaft und sozusagen an Ihrem Großhirn vorbei werten, nehmen Sie diese Wertungen wahr als genau das was sie sind: Ihre Wertungen und nicht die Realität. Sie können sich zum Beispiel sagen: „Aha, eine Wertung.“

Und selbst wenn Sie sofort danach weiterwerten: „Boah hey, ich bin ja wieder voll am Werten, wie schlimm ist das denn!“ Selbst dann ist das – was? Natürlich: Nur eine Wertung, die Sie als Wertung genauso wahr- und annehmen können wie alles andere auch, was ist. Anstatt sich über Ihre ständigen Wertungen zu ärgern: Machen Sie das Gegenteil!

Loben Sie sich, seien Sie froh und dankbar, dass Sie Wertungen jetzt als Wertungen achtsam wahrnehmen und Ärger als Ärger.  Sie lösen sich von Ihren Wertungen nicht, indem Sie sich über sie ärgern. Sondern indem Sie Wertungen als solche erkennen und damit die Chance erwerben, Ihre anfängliche Mustererkennung zu revidieren.

Zum Beispiel:

  • Mustererkennung nach 0,x Sekunden: „Unsympathisch!“
  • Achtsamkeit nach 1 Sekunde bis x Stunden: „Aha, Musterkennung meint zwar unsympathisch – kann sein, muss aber nicht sein, man wird sehen.“ So wie der Bauer in der Zen-Geschichte.

Das Werten werden Sie niemals verhindern können, aber Sie können sich von Wertungen lösen und frei werden, indem Sie paradoxerweise Wertungen als Wertungen wahrnehmen, benennen und milde annehmen. Mit sanfter Achtsamkeit. Übrigens: Es lohnt sich.

Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

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4 Kommentare bisher. Was sagen Sie dazu?

  1. Sabine sagt:

    Ein schöner Beitrag. Aber irgendwas gefällt mir daran nicht.
    Ist es der Gedanke: Sich für wertungsfrei zu entscheiden IST bereits eine Wertung – nämlich eine Abwertung gegenüber der Mustererkennung des Gehirns.

    Ich mag meine Mustererkennung, sie entstand und wird weiter automatisch entwickelt durch mein aktives Leben.

    Sie sagen „man kann die Mustererkennung überdenken und evtl. revidieren“. Dieser Vorgang ist seit Jahrtausenden in uns automatisch vorhanden. Ihn jetzt steuern zu wollen, ist eine Art „Zwang“ und erzeugt somit Druck.

    Oder nicht?

    30. April 2015
    Antworten
    • woelkner sagt:

      Vielen Dank für die Gelegenheit, hier das nochmal klarer zu formulieren:

      Sie sagen “man kann die Mustererkennung überdenken und evtl. revidieren”.

      Ich kann sie evtl. revidieren, ich muss aber nicht. Einen Zwang oder Druck daraus entstehen zu lassen, nun alle Wertungen revidieren zu müssen, ist auf keinen Fall das Ziel!
      Es geht mir darum von dem Ziel „wertfrei zu werden“ was in einigen Definitionen von Achtsamkeit so benannt wird loszulassen. Wir alle haben eine hocheffiziente Mustererkennung, die in Gefahrensituation überlebensnotwendig ist.
      Achtsamkeit ist, Wertungen als das zu erkennen was sie sind: nämlich meine Wertungen.
      Wenn ich z.B. schlechte Erfahrungen mit Chefs (oder was oder wem auch immer) gemacht habe, dann sagt meine Mustererkennung in Bruchteilen von Sekunden: „Alle Chefs sind gefährlich, Macht besessen und hinterhältig“.
      Wenn ich diese Wertung achtsam wahrnehme und mir bewusst werde, das ist MEINE Wertung, das ist nicht die Realität, das mag für einen, vielleicht für manche, aber sicher nicht für alle gelten. Dann habe ich die Chance mich von meiner Wertung zu desidentifizieren, dann habe ich eine Wahlmöglichkeit. Das gibt mir mehr Handlungsspielraum als einem Tier bei dem es nur Stimulus – Mustererkennung – vorprogrammierte und somit instinkthafte Reaktion gibt.

      Mustererkennung steuern zu wollen geht nicht, da gebe ich Ihnen Recht.

      Achtsame Grüße, Matthias Wölkner

      30. April 2015
      Antworten
  2. seinswandel sagt:

    Ist ein Reflex (Hand zuckt zurück vom heißen Herd) schon eine Wertung? Das träfe auch auf einen Einzeller zu. In diesem sehr schlichten Sinne von Reiz-Reaktion erkennt dieser bereits Muster. Ist jede Beobachtung, jede Unterscheidung in dieses und jenes (Himmel, Erde, Baum, Hund) schon eine Wertung? Ist also denken=werten? Vielleicht sollte man den Begriff Bewertung dafür reservieren, dass ein des Subjekt ein Betrachtungsgegenstand per gedanklich-sprachlicher Operation in ein Bewertungssystem einordnet, beispielsweise schneller-langsamer, geeignet-ungeignet, und nicht zuletzt: richtig-falsch. Ein Spezialfall davon ist die moralische Wertung gut-böse. Ein besonders schädliche (Wertung!) Form des Wertdenkens ist die moralische Überheblichkeit, wie ich es in meinem letzten Blogbeitrag darlege.

    4. Mai 2015
    Antworten
  3. Ralf sagt:

    Wertung oder Wertefrei? Eine Erfahrung immer wieder komplett neu zu beurteilen finde ich ritterlich. Die Evulotion lebt nach dem Model Erfolg-Misserfolg und einer entsprchenden Bewertung. Das tue ich auch, dabei halte ich meine Position und Ziel im Auge.

    16. November 2015
    Antworten

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